ERIN CAVES

Tenor


“Erin Caves, ein Heldentenor wie er im Buche steht“
(Opernglas, 01/2009, Die Rose vom Liebesgarten)

“Erin Caves mit seinem entspannt fliessenden, lichten Heldentenor“
(Opernwelt, 01/2009, e.d.)

"Erin Caves überzeugt mit mühelos prangendem Tenor als Stolzing. Es gibt offenbar wieder Sänger, die auch solche Kraftpartien schön singen können." 
(Braunschweiger Zeitung, 15 February ´10)

 

Ein Loge anderer Art

Gedanken von Wolfgang Willaschek* über die vokale und szenische Präsenz von Erin Caves in seiner Rolle als Loge in „Das Rheingold“ – März 2007

Merkwürdig, wie sehr es sich eingebürgert hat, bestimmten Rollen in der Oper gewisse Attribute zuzuschreiben. Der listige Loge hat seit geraumer Zeit der altkluge Intellektuelle zu sein, der als ausgeprägter Charakter durch Wagners Vorabend „Das Rheingold“ geistert. Der Rolle ist ein Stempel aufgedrückt und stimmlich wie szenisch will es scheinen, als würde man jeden Sänger, der sich diese Rolle erarbeitet, an einer solchen Einordnung messen. Erin Caves verstößt von vornherein gegen jede Zuordnung dieser Art. Ob diese Charakterpartie sein Fach ist? Kaum hat er die ersten Phrasen von „In Wasser, Erd und Luft, lassen will nichts von Lieb´ und Weib“ begonnen, erübrigt sich diese Frage von selbst. Er singt dieses große Bekenntnis, das zu den entscheidenden Brennpunkten des gesamten Zyklus´ gehört, nicht listig, nicht allein charaktervoll, sondern im besten Sinn innig und stimmig, lyrisch und ausdrucksvoll, mit höchster Hingabe und – jawohl es geht um Loge! – absolut ehrlich.

Das heißt nun alles andere, als dass Erin Caves es nicht verstünde, der ebenso trickreichen wie reizvollen Rolle vielfältige Charakterzüge zu verleihen. Im Gegenteil. Wann je in einer Oper wird eine Figur von seinen Mitspielern so sehnsüchtig erwartet wie Loge, der die katastrophale Situation der Wotansippschaft durch bloßes Erscheinen retten soll? Dieser Loge weiß das. Umgeben von Flammen, den wahren Zeichen seines Elements, steht er im Zentrum der Bühne und präsentiert sich als verheißungsvoller Magier. Was er in seiner Stimme an innigem, warmem Ton hervorzaubert – endlich einmal ein „singender“ Loge im Vollbesitz vokaler Kraft – vermag er erst recht körperlich zu erfüllen. Leicht tänzelnd spaziert er gönnerhaft über den Tisch der Wotanbehausung, als wäre dieser ein Laufsteg.

Leicht glaubt man den Grundcharakter – listig, verschlagen, undurchschaubar – dieser Figur zu kennen. Ebenso leicht aber ist es, durch zu starke Betonung dieser vermeintlichen Stärke die Figur von Anfang an zu überzeichnen und dadurch von allem Anfang an zu „verspielen“. Genau das geschieht hier nicht. Dieser Loge ist vor allem eins: ein genauer Beobachter. Seine Überlegenheit besteht vor allem in der Kunst der schnellen und richtigen Reaktion. Er weiß genau, wann er sein Spiel spielt und wann er etwas verrät von dem, was er wirklich denkt und fühlt. Wagner hat ihm nicht zufällig die Stimme der Kassandra im „Rheingold“ verliehen: Einer, der vieles voraus sieht, und seine Außenseiterposition dazu einsetzen will, die ihm allzu offensichtliche Katastrophe frühzeitig abzuwenden. Das freilich hätte zur Folge, dass die vier „Ring“-Opern bald zu Ende wären, folgt Wotan tatsächlich dem immer eindringlicher vorgetragenen Wunsch Loges, den Ring einzig zu gewinnen, um ihn den Rheintöchtern zurück geben zu können. Aber dieser Loge macht aus seinem Herzen keine Mördergrube: Genüsslich wirft er den übrig gebliebenen Freia-Apfel in die Luft, wenn er bemerkt, was der Verlust des Nektars bei den anderen Göttern hervorruft. Endlich kann er sich einmal ins rechte Licht rücken, ohne unmittelbare Konsequenzen von der ach so guten Verwandtschaft befürchten zu müssen! Das ist eine meisterliche Parodie, ohne in Erin Caves Darstellung je überzogen oder einseitig parodistisch zu wirken.

Die stimmliche Lockerheit – ein sehr kantilener Loge! – verwandelt der schlaue Ratgeber in behändes Spiel: Er weiß sich ebenso geschickt Fricka zu nähern als dass er es versteht, im rechten Augenblick Distanz zu Wotan zu halten, obwohl er auch keinen Hehl daraus macht, wie eng er diesem Gott verbunden ist. Selbst wenn Loge und Wotan nicht singen, als sie sich auf die Suche nach Nibelheim machen, so gehört es doch zu den schönsten und nachhaltigsten Eindrücken der Weimarer „Rheingold“-Aufführung, wie beide zwischen den wild umher fahrenden Bühnenwägen einen Weg in die Unterwelt finden wollen. Solch Spiel zeugt von der großen Suggestionskraft des Theaters. Im dritten Bild der Oper mausert sich Loge zu einem meisterhaften Strategen und Diplomaten. Er und nicht der Gott selbst leistet vor Alberich doppeldeutigen Dienst, in dem er die Kohlen buchstäblich aus dem Feuer holt und den Zwerg Alberich dazu bringt, aus purer Eitelkeit in die Falle zu tapsen. Unmissverständlich beginnt er Lust an der eigenen List zu entwickeln. Er lässt sich nicht allein vor den Karren der Wotan-Intrige spannen, sondern er spielt das Spiel listig und verschlagen mit. Erin Caves wird es sicherlich bereits mehr als einmal gehört haben, aber man merkt ihm kaum einen amerikanischen Akzent an und dies gerade in den Phasen der Partie, die fast ausschließlich rezitativisch gestaltet sind, ohne dass sie aus dem Mund dieses Sängers trocken oder gar steril gestaltet sind – im Gegenteil.

Umso nachhaltiger und eindeutiger fällt die wohl schönste und subtilste Nuance seiner Rollengestaltung aus. Er weicht seinem Herrn Wotan nicht von der Seite, macht alles mit, ersinnt sich die Falle, in die Alberich gerät. Er schleift den unterlegenen Zwerg sogar in Wotans Welt und scheint auch noch Gefallen an der von Wotan angezettelten Demütigung des gefesselten Alberichs zu haben. Aber in dem Augenblick, da er bemerkt, was Wotan tatsächlich vorhatte, und zwar von allem Anfang an, wird ihm schlagartig bewusst, wessen Handlanger er ist. Wie ein großer Abgang wirkt in seinem Spiel die doch vermeintlich Geste, als er sich von Alberich, vor allem aber von Wotan abwendet. Wotan hat nur Egoistisches im Sinn, und Loge dient zu nichts weiter, als das Mittel zum Zweck zu sein.

Ohne dies groß auszuspielen oder gar sich in den Vordergrund zu spielen, versinnbildlicht dieser Loge-Darsteller eindeutig das eigentliche, das tiefere Dilemma dieser Figur. Loge ist ein allzeit Überlegener, aber in dieser Überlegenheit ist und bleibt er von der Macht, der größeren Macht des anderen Gottes abhängig. Dass Wotan dies im Endeffekt rücksichtslos und ohne jede Scham brutal ausnützt, lässt sogar Loge stutzen. Er geht in den Hintergrund und wendet sich von dem skrupellosen Tun Wotans ab. Auch da zeigt Erin Caves, dass solche Abkehr ihre eigenen subtilen Farben hat. Ohne groß gegen Wotan anspielen zu müssen: der kennt nur seine Machtgier, konzentriert sich Loge fortan im Folterbild zwischen Wotan und Alberich auf kleine, genau bedachte Gesten. Es ist Loge, der dafür sorgt, dass Alberich die Zwergenschuhe ausziehen, seine Rolle abstülpen kann. Er ist es, der jetzt Alberich nicht mehr aus den Augen lässt. Er ist es, ob er es zugeben könnte oder nicht, der am ehesten und besten versteht, was hier vor sich geht: eine willkürliche Machtsicherung, die wiederum Alberich zu einem bemitleidenswerten Außenseiter macht. Und dieses Mitleid mit Alberich zeigt Loge.

Seine Distanz und seinen Argwohn braucht dieser Loge nicht groß auszuspielen. Nicht zuletzt seiner vokalen Präsenz bewusst, wandelt er sich im vierten und letzten Bild endgültig zum Meister und Magier des kaum ausgesprochenen Wortes und des heimlichen Gedankens. Es genügt, dass Loge ruhig und gefasst ans Portal tritt, um sich von dort aus, in bewusst gewählter Distanz, die göttliche und doch so scheinheilige Proklamation zum Einzug nach Wallhall anzusehen. Wenn er dann am Ende des „Rheingolds“ in die Mitte der Szene tritt, genügt eine einzige Geste, mit der er sein Auge bedeckt: so treiben es die werten Götter, um so ein letztes Mal kundzutun, wer hier welches Spiel spielt und wer es inzwischen bis in kleinste Details versteht. Dieser Loge hat es nicht nötig, noch groß darauf aufmerksam zu machen, warum er schließlich die Schnauze voll hat und das Spiel, zumindest das offizielle, zu verlassen gedenkt. Dieser Loge ist ein widersprüchlicher Mensch (im Götterspiel!), dessen Faszination nicht zuletzt auf seinen tiefen Einsichten in das disparate Wesen des Menschen besteht. Genau dies ersingt und erspielt sich Loge in Weimar: kein unnahbarer Gott, sondern ein geschickter Diplomat, der auch unverblümt zeigt, wie er an diesem trügerischen Spiel leidet.

Wolfgang Willaschek ist in Treuchtlingen/Mittelfranken geboren und lebt heute als Dramaturg, Librettist und Autor in Aumühle bei Hamburg. Er war ab 1981 Dramaturg, später leitender Dramaturg an der Hamburgischen Staatsoper. Von 1987 bis 1991 war er Dramaturg der Salzburger Festspiele. In den Jahren 1995 und 1996 arbeitete er als Chefdramaturg beim Schleswig-Holstein-Musikfestival. Von 1999 bis 2006 war er Chefdramaturg und Berater der Intendantin Pamela Rosenberg an der San Francisco Opera. Seit 1986 arbeitet er als Dramaturg fest mit dem Regisseur Johannes Schaaf zusammen. Zu den Regisseuren und Bühnenbildnern, für die er regelmäßig tätig ist, zählen Nikolaus Lehnhoff, Marco Arturo Marelli, Gottfried Pilz und Roland Aeschlimann. Mit Stefan Herheim hat er u.a. bei den Salzburger Festspielen 2003/04/06 für Die Entführung aus dem Serail zusammengearbeitet.
Als freischaffender Dramaturg war er an den Opernhäusern in St. Petersburg, Zürich, London, München, Stuttgart, Frankfurt und in den letzten Jahren verstärkt am Aalto-Theater Essen tätig. Er unterrichtete Dramaturgie an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Hamburg und an der Hochschule Hanns Eisler in Berlin. Er schrieb u.a. Libretti für Udo Zimmermann (Weiße Rose), Eckehard Meyer (Sansibar, Das Treffen in Telgte) und Manfred Trojahn (Limonen aus Sizilien). Zu seinen Buchveröffentlichungen gehören Mozart-Theater im Metzler Verlag, der Opernführer 50 Klassiker Oper im Gerstenberg Verlag und zusammen mit dem Fotografen Karl Forster Bühnenwerkstatt Bregenzer Festspiele im Ueberreuter Verlag. Zu seinen neuen Betätigungsfeldern gehören neben dem ring in weimar eine Dramaturgie zu Tannhäuser im Februar 2007 an der Amsterdamer Oper und Beratungen bei Projekten der Berliner Philharmoniker.

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